Arnulf Rainer in der Sammlung Zambo

Arnulf Rainer: ein Getriebener, ein Leidender, ein Ausnahmekünstler

Arnulf Rainer in der Sammlung Zambo


„Als ich das erste Bild von Arnulf Rainer an die Wand hängte, sind alle anderen, bisher gesammelten Bilder heruntergefallen“, erzählt der Sammler Helmut Zambo. „Er hat es nicht geduldet.“ Damit war Zambos Leidenschaft für den Ausnahmekünstler entfacht. Über sechzig Jahre später umfasst seine reichhaltige Sammlung wesentliche Werke Rainers aus allen wichtigen Schaffensperioden von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart.

Nach surrealistischen Anfängen experimentiert Rainer mit der „Blindmalerei“, einem Malen und Zeichnen mit geschlossenen Augen. Oberflächen werden verdichtet, die Ausdruckskraft von Linien durch ständiges Überzeichnen gesteigert. Dadurch entdeckt Rainer eine neue künstlerische Sprache, die ihn zu den spontanen und rasch gezeichneten „Zentralisationen“ führt. Sie werden aber bald schon von fast monochromen, meist schwarzen Übermalungen abgelöst. Entgegen dem expressiven Charakter der früheren Arbeiten kennzeichnet diese dunklen Bilder ein langsamer, verinnerlichter Farbauftrag. Zambos Lieblingswerk ist eine rote Übermalung aus dem Jahr 1958. „Das Bild hat eine bedächtige Seite, etwas fast Religiöses, Durchgeistigtes“, so der Sammler, „gleichzeitig ist es aber auch gestisch, ja aggressiv“. Selten sind diese so wesentlichen Grundzüge von Rainers Kunst gemeinsam in einem Bild anzutreffen.

Arnulf Rainer, Die kleine rote Übermalung, Foto: Natascha Unkart


Rainer ist ein Getriebener. Er quält sich zu Höchstleistungen, holt alles aus sich heraus, um zu einer spontan aus dem Unterbewusstsein schöpfenden Malweise zu gelangen. Der Künstler macht Grenzerfahrungen, wie das Arbeiten bis zur völligen Erschöpfung, bewusstseinserweiternde Experimente mit Hilfe halluzinogener Drogen oder die Auseinandersetzung mit den Geisteszuständen psychiatrischer Patienten – nicht zuletzt, um sich schonungslos mit den eigenen Ängsten, mit Auslöschung und Tod zu konfrontieren. „Wie viele Künstler hat sich auch Rainer an das Kreuz genagelt“, sagt Zambo bezugnehmend auf das Werk „Selbstbegräbnis“ oder „Christusfreud, Christusleid?“(1969/74)– ein Bild von höchster Dramatik, das das fotografische Antlitz Rainers wild übermalt auf einem großen Kreuz zeigt. Er wolle keine sakrale Malerei fertigen, betont Rainer immer wieder, das Kreuz – ein zentrales Motiv seines Schaffens – diene ihm in erster Linie als ein formales Element. Gerade vor dem Bild des leidenden Künstlers kann man Rainer das nicht ganz glauben. Ein religiöser, ja christlicher Zusammenhang lässt sich kaum ausblenden.

 
Aufgrund seines Interesses an Selbstbild und Körpersprache arbeitet Rainer mit Grimassenfotos aus dem Automaten, wobei seine Gebärden die gesamte Skala menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten umfassen. Rainer will mit den „Automatenfotos“ kein schönes Passbild von sich machen, sondern entblößt sich, schneidet hässliche Fratzen, geht an seine gestischen und mimischen Grenzen. In einem scheinbar zerstörerischen Akt greift er dann in das Foto ein, er kratzt in das Bild, übermalt und überzeichnet es mit heftigen Pinselhieben. Immer wieder verwendet er dafür auch Hände und Finger. Dadurch attackiert er die Fotografie und verstärkt gleichzeitig deren mimischen Ausdruck. „Ich sehe bei einem Bild sofort immer nur die schlechten Stellen, zumindest, wenn ich für das Objekt Sympathie empfinde“, erzählt Rainer. Diese, die schwachen Stellen, gelte es zu vertuschen, zu verdecken, zu übermalen.

Sammlung Zambo in Badenweiler, Foto: Natascha Unkart

 

Neben selbst gemachten Fotos übermalt Rainer auch gefundene Fotos oder auch Abbildungen von Kunstwerken der Kunstgeschichte. Es kann aber auch passieren, dass er Originalwerke anderer Künstler bearbeitet. So bat Rainer Künstler wie Herbert Boeckl oder Pablo Picasso um die Überlassung einer Arbeit, die in der Folge ungeniert übermalte. Er mache das, so Rainer, aus „Liebe und Vervollkommnungsdrang“, um noch schönere Kunstwerke daraus machen. Impuls und Korrektur, Verdeckung und Enthüllung, Schwärzung und Erleuchtung.

Günther Oberhollenzer

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