Einblicke in einen archäologischen Fundbericht © Christian Rettenbacher

Mittelalterliche Uferbefestigung in Krems/Stein: Rettung in letzter Minute

Einblicke in einen archäologischen Fundbericht

13.04.2017

Beim Bau der neuen Landesgalerie Niederösterreich in Krems stießen die Bauarbeiter in sechs Metern Tiefe – niemand konnte dies im Vorfeld erwarten –  auf gut erhaltene Hölzer. Dank der Wachsamkeit des Archäologen Volker Lindinger und dem raschen und unbürokratischen Eingreifen des Bundesdenkmalamtes durch Hermann Fuchsberger, Martin Krenn und Martina Hinterwallner ist es gelungen, eine wahre archäologische Sensation im letzten Augenblick fachgerecht zu dokumentieren.

Die Firma Archäologie Service unter Leitung von Silvia Müller und unter der örtlichen Grabungsleiterin Daniela Achter ließ sich von den sibirischen Jännertemperaturen nicht abhalten, in einer nur achtwöchigen Grabungskampagne die gesamte Befundlage genau zu dokumentieren und die zahlreichen organischen Materialien  fachgerecht zu bergen. Eine erste Analyse erbrachte eine aus mächtigen Holzpfosten errichtete bauliche Struktur einer Uferbefestigung, die auf eine mittelalterlichen Hafenanlage schließen lässt. Über 400 teilweise gut bearbeitete und zugespitzte Hölzer unterschiedlicher Stärke und Länge (bis zu vier Metern) wurden entdeckt und geborgen. Dichte Reihen derartiger Pfosten dienten zur Uferbefestigung und wahrscheinlich zum Bau von Molen – also vom Ufer vorspringende befestigte Erd- und Steindämme – die als Anlegestellen benutzt wurden.

Ton, Steine, Scherben

Neben den Hölzern kamen auch Lederreste zum Vorschein. Weitere bemerkenswerte Funde sind  ein grautoniger Krug gotischer Form mit einem seitlich vom Ausguss angesetzten Henkel, der ins 14./15. Jahrhundert datiert.  Ein Eisenschwert mit erhaltener Klingenlänge von ca. 60 cm, die Klinge besitzt annähern parallele, gerade Schneiden und eine doppelte Kehlung. Sie entspricht in ihrer Form dem klassischen ritterlichen Schwert des Hochmittelalters (11.-13. Jh.). Eisenklammern  dienten zum Zusammenhalten der hölzernen Planken der Flachböden von Zillen oder ähnlichen Wasserfahrzeugen. Derartige Klammern werden noch heute benutzt.  Ein Eisenmesser  mit ca. 10 cm Länge, diese Messer  waren im Mittelalter unverzichtbarer Bestandteil der Herrenausstattung als Allzweck- und Jausenmesser.  Ein Holzbrett  von  77 cm Länge und  20 cm  Breite, bei dem die  Enden mit einer Axt zugerichtet waren, da es als Bauteil eines Stegs oder eines Bootes Verwendung fand, vielleicht als Spundwand in einem schmalen Kahn.  Eine vorerst nicht näher bestimmbare römische Münze wurde ebenfalls entdeckt .

Römische Funde nördlich der Donau, die ja die Reichsgrenze bildete, sind Nachweise des intensiven Austausches der Römer mit germanischen Völkerschaften. Da die Römer keinen Münzverfall kannten und Münzen unter Umständen sehr lange in Umlauf blieben, kann der Zeitpunkt wann dieses Stück nach Krems gelangte, nicht exakt bestimmt werden.  Eine Silbermünze von  Ferdinand III (Mitte 17. Jh.) ist ein Zeugnis für Krems als bedeutender Warenumschlagplatz seit dem Hochmittelalter.  Da das Land Niederösterreich Eigentümer der Fundmaterialien ist, wurden die Objekte zur weiteren Bearbeitung ins Kompetenzzentrum für Ur- und Frühgeschichte ins MAMUZ Schloss Asparn/Zaya gebracht. 

Was passiert mit den Funden?

Die große Anzahl an organischen Objekten wirft für die weitere Vorgehensweise etliche Fragen über Konservierung, Lagerung und Datierung  auf. Einmal bieten die Hölzer die Möglichkeit dendrochronologische Daten zu gewinnen. Die Dendrochronologie (Holzaltersbestimmung) ist die einzige naturwissenschaftliche Methode, die eine jahrgenaue Altersbestimmung der Fälljahre von historischen Hölzern ermöglicht. Unter der Voraussetzung, dass alle Jahrringe bis zur Rinde erhalten sind, kann der Fällzeitraum des Baumes  bestimmt  werden.  Die Datierung erfolgt über den Vergleich der Jahrringserie des zu datierenden Holzobjektes mit einer sogenannten Standard- oder Regionalchronologie. Die Jahrringserie entsteht durch das Einmessen der Jahrringbreiten und das Aufzeichnen der Breitenwerte in ihrer zeitlichen Abfolge. Weil die Jahrringbreite durch günstige oder ungünstige Klimabedingungen entscheidend beeinflusst wird, variiert die Jahrringbreite mit den Klimaschwankungen und ergibt eine charakteristische Jahrringkurve. Diese überaus erfolgversprechende Methode wird an der Universität für Bodenkultur am Institut für Holztechnologie und nachwachsende Rohstoffe in Tulln von Michael Grabner durchgeführt. Allerdings eignen sich nicht alle Holzarten für diese Bestimmung gleich gut, so sind etwa die in Krems gefundenen zahlreichen Nadelhölzer weniger geeignet, als  z.B. Eichenholz. Erste Proben wurden auf 1260 und 1344 datiert. Insgesamt wurden 50 Proben gezogen, die Ergebnisse sollen in den nächsten Monaten vorliegen. 

Die Dendrodatierung ist eingebettet in ein internationales Forschungsprojekt, in dem die wissenschaftliche Bearbeitung nicht nur  der Hölzer, sondern auch der archäologischen Begleitfunde vorangetrieben werden soll. Mit im wissenschaftlichen Boot sitzen Franz Pieler, der die Agenden der Landesarchäologie mit Jahresbeginn 2018 von mir übernehmen wird, somit also im wahrsten Sinn des Wortes das Steuerruder in die Hand nimmt,  der Historiker Roman Zehetmayer vom Landesarchiv, die Mittelalterarchäologin Karin Kühtreiber, Michael Grabner für Dendrochronologie, sowie die Restauration Christina Schaaf – Fundneider und Tobias Kurz in Kooperation mit Doris Wollenbreg vom Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich Schiller Universität Jena.      

Ernst Lauermann, Wissenschaftlicher Leiter, MAMUZ   

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