Franziska Butze-Rios und Christina Schaaf-Fundneider bei der Arbeit

Wie wird zeitgenössische Kunst restauriert?

Franziska Butze-Rios und Christina Schaaf-Fundneider bei der Arbeit


Umgang mit zeitgenössischer Kunst erfordert ungewöhnliche und interdisziplinäre Herangehensweisen zur restauratorischen Betreuung und Präsentation. Die Frage nach dem Erhalt des Originalitätscharakters eines Kunstwerkes wird durch technische, sich abnutzende Komponenten neu definiert. Zeitgenössische Kunstwerke stellen für uns daher einen besonderen Reiz dar. Sie verlangen ein großes Maß an Offenheit, interdisziplinäre Kompetenz und Wissen und mitunter eine kleine Portion Glück.

Bei der Videoskulptur „Selbst“ von Helmut Rainer handelt es sich um ein solches Kunstwerk. Die für uns Restauratorinnen nicht alltägliche und herausfordernde Vorbereitung des Werkes für die Ausstellung „Das Abenteuer Wirklichkeit“ im Forum Frohner ab November 2016 wird im Folgenden kurz beschrieben.

Das im Jahre 1994 erschaffene Kunstwerk besteht aus einer gebrauchten Arbeitsjacke und –hose, einem Kleiderbügel, einem Monitor sowie einem darauf präsentierten, abstrakten tonlosen Video.

Der Monitor ist in die „(Herz)tasche“ der Hose integriert – ein speziell auf den Monitor abgestimmtes, eingeschnittenes Sichtfenster mit der Größe von ca. 3 x 5 cm gibt dem Betrachter das Bild auf das Video frei. Im Inneren der Tasche befinden sich weitere Adaptionen der Hose, um die zur Präsentation erforderlichen Kabel zu verlegen. Monitor und Hose bilden somit eine sehr enge Einheit.

Seit 1996 gehört das Werk zu den Landessammlungen Niederösterreich, es wurde direkt vom Künstler erworben. Das Video befindet sich im Original auf einer VHS-Kassette. VHS-Kassetten sind nicht alterungsbeständig, im Schnitt wird ihnen auch ohne nennenswerte Nutzung eine Lebensdauer von nur ca. 20 Jahren vorausgesagt. Ohne Sicherung wäre das Video heute vielleicht beschädigt oder gar verloren. Deshalb wurde bereits Anfang der 2000er Jahre, auf Veranlassung der Sammlungsleiterin Dr. Alexandra Schantl, eine Digitalisierung der Videoarbeit durchgeführt. Dies erfolgte im Rahmen eines Projektes mit dem Medienkunstarchiv Austria (MKA). Ein Großteil der damals in den Landessammlungen vorhandenen Medienkunstwerke wurde dabei in Rücksprache mit den vertretenen KünstlerInnen aufgearbeitet.

In Vorbereitung auf die Leihe 2016 wurden die originalen technischen Bestandteile der Installation überprüft. Dabei stellte sich heraus, dass sowohl der LCD-Bildschirm, der VHS-Videorecorder als auch die Verbindungskabel nicht mehr funktionsfähig waren. Die Videoskulptur war somit nicht ausstellungsfähig. Es galt, Ersatz für die Geräte zu beschaffen.

Vor allem der LCD-Monitor, auf den die „(Herz)tasche“ der Hose wortwörtlich zugeschnitten ist, ist in seiner spezifischen Form als integraler Bestandteil des Kunstwerkes anzusehen. Um den originalgetreuen Charakter des Kunstwerkes zu erhalten, hatte die Beschaffung eines gleichen Monitors deshalb oberste Priorität.

Das verwendete Modell von Panasonic wurde allgemein eigentlich als externer Monitor für Filmkameras verwendet und zeichnet sich durch seine geringe Größe aus. Aufgrund der technischen Neuerungen bei Camcordern und ähnlichen Geräten ist diese Art von Monitor im Laufe der Zeit obsolet geworden. Sie werden nicht mehr hergestellt - hin und wieder ist es auf dem Secondhand-Markt verfügbar.

Da der Erwerb also marktabhängig war und auch von der Funktionalität eines gebraucht erworbenen Gerätes nicht ausgegangen werden konnte, wurden parallel zur Suche nach dem gewünschten Monitor Übergangslösungen bzw. Kompromisse gesucht.

Nach aufwendiger Internetrecherche, zahlreichen Telefonaten und Emails wussten wir: heute gebräuchliche Displays werden in dieser Größe nicht standardmäßig produziert und haben außerdem technisch andere Voraussetzungen. Digitale Bilderrahmen stellten theoretisch eine Alternative dar, werden jedoch ebenfalls nicht standardmäßig in der erforderlichen Größe hergestellt. Smart Phones wiederum verfügen nicht über die technischen Voraussetzungen, die für die Präsentation in einer Videoskulptur nötig wären.

Glücklicherweise ergab sich die Möglichkeit, den gesuchten Monitor ungebraucht (!) auf dem Secondhand-Markt aus Übersee zu erwerben.

Im Sinne der Erhaltung der Original-VHS-Kassette war von deren Nutzung abzusehen.
Es war also zu überlegen, wie das Video gezeigt werden sollte. Soll es einen Wechsel von analog zu digital geben, eine Umwandlung in eine neue Technologie? Oder sollen wir, wie beim Monitor auch einen gleichen Videorekorder finden, um eine mit Hilfe des Digitalisats hergestellte Abspielkopie auf VHS-Kassette zu zeigen?

Ein gleicher VHS-Rekorder konnte für die Präsentation im November nicht beschafft werden. Nach ausführlicher Abwägung der teils konträr scheinenden Erhaltungsziele (Erhaltung des Originals, Erhaltung der Authentizität, Erhaltung durch Präsentation) entschieden wir uns, den VHS-Rekorder durch einen modernen Mediaplayer zu ersetzen.

Das Video wird von einer SD-Card abgespielt. Durch entsprechende Kabel und Adapter ist der Player mit dem Bildschirm kompatibel.

Für uns entscheidend war, dass die Video-Skulptur „Selbst“ durch den Austausch des Video-Rekorders gegen einen Mediaplayer optisch nicht verändert wird. Der Rekorder ist nicht Teil der Skulptur, sondern dient als Mittel zum Zweck. Der kulturhistorische Kontext, den die Hardware dem Kunstwerk gibt, wird in diesem Fall durch die genaue fotografische und schriftliche Dokumentation, sowie die konservatorisch korrekte Aufbewahrung der originalen technischen Bestandteile erhalten.

Die Vorbereitung des Kunstwerkes zog sich über den Zeitraum von 4 Monaten. Vermeintliche Problemstellungen konnten letztendlich positiv gelöst werden.

"Selbst" von Helmut Rainer 1995, Foto: Landessammlungen Niederösterreich
Gezeigt wird Selbst („Helmut Rainer“) ab dem 20.11.2016 im Rahmen der Ausstellung „Das Abenteuer Wirklichkeit“ im Forum Frohner in Krems.

Franziska Butze-Rios, Christina Schaaf-Fundneider 

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