Judith Fegerls Federspiel in der Göttweigerhofkapelle

Von Drehrichtungen, Zugpunkten und dabei wirkenden Kräften

Judith Fegerls Federspiel in der Göttweigerhofkapelle

Günther Oberhollenzer, Kurator der Landesgalerie Niederösterreich

Ich kann mich noch gut erinnern, wie Christian Bauer und ich vor einigen Monaten das erste Mal die Göttweigerhofkapelle in Krems-Stein besichtigt haben. Wir waren von diesem Kleinod der Hochgotik begeistert, von den wunderbaren, hochwertigen mittelalterlichen Fresken (aus dem 14. Jahrhundert), dem gut erhaltenen Kreuzrippengewölbe, der intimen Atmosphäre, die sich je nach Tages- und Lichtstimmung wandelt. Damals waren wir auf der Suche nach einem besonderen Ort, den wir mit Kunst bespielen wollten. Diesen hatten wir mit der Göttweigerhofkapelle gefunden.

© Lukas Beck

FUNDAMENTAL. Eine Idee von Rainer Prohaska.

Es ist sehr reizvoll, die alten Mauern nun erstmals mit zeitgenössischer Kunst zu beleben, Gegenwartskunst in diesem ungewöhnlichen, nicht dafür vorgesehenen historischen Raum auftauchen zu lassen und so Altes mit Neuem in einen spannungsreichen Dialog zu setzen. Zugegeben: Das ist ein kuratorischer Gedanke, der in Krems mit der Minoriten- und der Dominikanerkirche bereits Tradition hat – oder auch mit dem Museum Krems, in dessen Galerie aktuell ebenfalls eine zeitgenössische Kunstausstellung zu sehen ist. Die wunderbare Idee, nicht zu warten, bis die Landesgalerie Niederösterreich eröffnet hat, um Ausstellungen umzusetzen, sondern schon während der Bauarbeiten künstlerische Akzente zu setzen, stammt von Rainer Prohaska. Unter dem Titel FUNDAMENTAL entstehen im Umraum der Baustelle Kunstprojekte, die dann als künstlerische Interventionen auch in den Museumsbau Eingang finden sollen.

© Lukas Beck

Zusammen entschieden wir uns, Judith Fegerl zu fragen, für den gotischen Innenraum eine künstlerische Arbeit zu entwickeln. Fegerl ist eine vielseitige Künstlerin, ich kannte von ihr etwa die Ausstellung für den Kunstraum Niederösterreich, bei der sie alle Einbauten ausräumte und die sonst versteckten Stromanschlüsse und Drähte freilegte („Self“, 2010). Dadurch machte sie die unsichtbaren Strukturen des Raumes sichtbar und interpretierte den Kunstraum als architektonische, aber auch als eine energieliefernde Hülle für Kunstobjekte. Ein ähnliches Thema behandelt auch ihre neue Arbeit mit Titel „Herleitung des Federspiels“ in der Göttweigerhofkapelle.

Herleitung des Federspiels

Der Begriff des Federspiels ist mehrdeutig zu verstehen. Er stammt ursprünglich aus der Falkenjagd und bedeutet das Zurückholen des Jagdvogels mittels einer Beuteattrappe (dem Federspiel) – ein Lederobjekt, gebunden an eine lange Schnur, das mit kreisenden Bewegungen in der Luft geschwungen wurde. In Krems und der Wachau war das Federspiel in früheren Zeiten beliebt – so wie heute noch der gleichnamige Wein. Fegerl hat bewusst diesen stark in der Gegend verankerten Begriff gewählt, ihm dann aber eine andere, ganz  neue Bedeutung verliehen.

© Lukas Beck

Bald nachdem wir uns für die Künstlerin entschieden haben, lud sie uns in ihr Wiener Atelier ein und wir sahen die ersten Entwürfe. Ausgangspunkt bildete die außergewöhnlich gedrehte Form des Museumsbaus der Landesgalerie Niederösterreich. Fegerl gab uns kleine Modellwürfel des Baus aus Draht, mit der Aufforderung, diese zu drehen, um uns so zu demonstrieren, worin für sie das Faszinosum liegt: in der durch die Drehung des Kubus scheinbar im Bau gespeicherten Energie. Stellt man sich die im Museumsbau manifestierte Verformung des architektonischen Würfels als elastischen Prozess vor, könne dieser, so Fegerl, in seine Ausgangsposition auch zurück federn und die investierte Energie wieder freilassen. Darauf aufbauend entwickelte sie drei, jeweils rund zwei Meter lange, in Bronze gegossene Zugfedern, die Drehung und Energie versinnbildlichen sollen. An drei Punkten kann die Spannung festgemacht werden. Drei Federn sind notwendig, um den aufgeladenen Zustand zu symbolisieren.

© Lukas Beck

Im tatsächlichen Bau ist keine kinetische Energie gespeichert, wie auch nicht in den Bronzeabgüssen der Zugfedern. Fegerl möchte mit ihrer Arbeit eine Idee abbilden und die Spannung der Museumsarchitektur künstlerisch interpretieren. Beton wie auch Bronze werden gegossen und erstarren in der Aushärtung. „So wie Beton das typische Material des architektonischen Körpers ist, ist Bronze das traditionell verwendete Material für Skulptur – den Körper in der Kunst“, betont die Künstlerin. Ihr ist es dabei ein großes Anliegen, auch die handwerkliche Umsetzung der künstlerischen Idee mit Genauigkeit und Leidenschaft Schritt für Schritt zu begleiten. Ganz bewusst beließ sie die Bronze in ihrem rohen Zustand.  Gussfehlstellen sind nicht beseitigt oder bereinigt, um den Materialcharakter zu betonen, aber auch die Transformation eines Gebrauchsgegenstands in einem künstlerischen wie statischen Werkstoff sichtbar zu machen.

© Christina Vogler

Abstrakte Formen, gespeicherte Energien

„Es geht um abstrakte Formen, gespeicherte Energien und flüchtige Zustände. Momente, die durch aufwändige Verfahren konserviert werden, als Gebäude und als Kunstobjekte”, beschreibt Judith Fegerl die Reflexion der Landesgalerie Niederösterreich. Im Laufe der nächsten Monate plant sie noch eine zweite Arbeit: Im Erdgeschoss des Museums werden drei „Ankerformen“ – oder auch Druckformen – aus Beton eingebaut. Auch diese erzählen von der Drehrichtung, den Zugpunkten und den dabei wirkenden Kräften – und sie werden zum integralen Bestandteil der Landesgalerie Niederösterreich, als Teil der Baugeschichte für immer in das Haus eingeschrieben. Ein wahrlich lustvolles Gedankenspiel, in Form und Materie gegossen!

Judith Fegerl setzte sich mit der Architektur auseinander, der Künstler Leo Zogmayer möchte im Herbst Inhalt und Mission der Landesgalerie Niederösterreich im Rahmen von FUNDAMENTAL thematisieren. Wir dürfen gespannt sein. 

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